“Eine tatsächlich Öffnung des türkischen Staates steht noch aus”

Wolfgang Gust

Eine deutliche Mehrheit der Türken entschied sich im September 2010 für eine gründliche Revision der Verfassung. Wenn nicht alles täuscht, wird der Strafparagraph 301, nach dem „Personen, die das Türkentum, die Republik oder die Große Nationalversammlung offen erniedrigen“, bis zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werden können, diese Revision zumindest in seiner derzeitigen Form nicht überstehen. Ursprünglich war die Erwähnung des Völkermords an den Armeniern expressis verbis im Gesetzestext als Straftatbestand verankert, wurde dann aber mit Rücksicht auf die Verhandlungen mit der Europäischen Union über einen Beitritt wieder gestrichen.

Der Völkermord an den Armeniern ist trotzdem noch immer das größte Tabu der offiziellen Türkei. Die Geschichte des Umgangs mit diesem politischen Reizthema in den letzten Jahrzehnten und belegt mit Beiträgen der bedeutendsten türkischen Tageszeitungen, ist das Thema eines Sachbuchs, das alle wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt und sich dennoch wie ein Krimi liest: Seyhan Bayraktars als Buch erschienene Dissertation „Politik und Erinnerung. Der Diskurs über den Armeniermord in der Türkei zwischen Nationalismus und Europäisierung“.

Abgesehen von der für eine Dissertation notwendige methodische Einführung erzählt die in der Schweiz lebende junge Deutsche türkischer Abstammung die spannende Geschichte der Auseinandersetzung der türkischen Gesellschaft mit dem Armenierproblem anhand wichtiger meinungsbildender Printmedien der Türkei wie auch die politischen Abwehrstrategien des türkischen Staates gegen die Anerkennung des Völkermords im Ausland. So erhält der Leser Einblicke in die Entstehung einer pluralistischen Gesellschaft in einem Land, in dem weitgehend noch immer nicht die Bürger den Staat überwachen sondern die staatlichen Machteliten die Bürger.

Im Rahmen des Forschungsfeldes der internationalen Beziehungen und der Europäisierung hat die Autorin ihre politwissenschaftliche Untersuchung an der Universität Konstanz geführt – im Kontext des jüngeren Phänomens der Entschuldigungspolitik verschiedener Staaten und der Auseinandersetzung mit historischen Verbrechen. Der zentrale Ansatz war: Kollidiert eine offen leugnerische Vergangenheitspolitik nicht mit den Erwartungen der internationalen Gemeinschaft, Massenverbrechen kritisch auszuarbeiten? Im Fall der von ihr analysierten gesellschaftlichen und politischen Erinnerung der Türkei kommt hinzu, daß sich die Anerkennung des Völkermordcharakters der jungtürkischen Vertreibungspolitik inzwischen zu einem informellen Beitrittkriterium der Europäischen Union entwickelt hat.

Ihre Untersuchungen startet Seyhan Bayraktar mit den siebziger Jahren und das macht viel Sinn. Denn die „armenische Frage“, wie vor dem Völkermord das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich 1915/16 umschrieben wurde und die auch danach zur Verharmlosung wieder auferstand, spielte fast ein halbes Jahrhundert im politischen Alltag kaum noch eine Rolle. Der Völkermord an den Armeniern schien dem Vergessen preisgegeben, selbst bei vielen Armeniern.

Erst eine spektakuläre Mordserie brachte Mitte der siebziger Jahre den Völkermord wieder ans Tageslicht. 1973 hatte ein armenischer Überlebender in Los Angeles zwei türkische Diplomaten erschossen. Zwei Jahre später gründeten junge Armenier im Libanon die „Armenian Secret Army for the Liberation of Armenia (ASALA), die innerhalb eines Jahrzehnts mehr als 60 Türken umbrachte, zumeist Diplomaten. Weltweit wahrgenommen wurden die Täter – unabhängig von ihrer marxistischen Ideologie – als armenische Rächer für die grausamen Leiden ihrer osmanischen Landsleute.

Aber auch in der Türkei geschah Anfang der siebziger Jahre Entscheidendes. 1971 hatten die türkischen Militärs ein zweites Mal in das politische Leben eingegriffen und linke wie islamische Parteien vertrieben, um die angeblich reine Lehre Atatürks wieder herzustellen. Am 14. August 1974 führte diese Politik zur Besetzung Nordzyperns, durch die 40 Prozent der Insel in die Kontrolle der türkischen Militärs geriet. Unter den aus dem Norden Fliehenden befanden sich auch viele Armenier, die sich dereinst auf die Insel gerettet hatten.

In der Berichterstattung über den armenischen Attentäter in Los Angeles 1973 stand in der türkischen Presse viel über die Opfer, während „die Erfahrungen des Überlebenden nicht einmal ansatzweise aufgegriffen“ wurden, so Bayraktar. In der Folgezeit mutierten in den türkischen Berichten sehr oft alle Armenier schlicht zu Terroristen, ein Topos, der sich bis heute hält: Armenier gleich Terroristen und Terroristen gleich Armenier.

Auch eine Argumentationsweise, die schon die den Genozid zu verantwortenden Jungtürken verwendeten, kam mit der ASALA wieder hoch. „Der Vorsitzende der Sozialistischen Partei erklärte“, schreibt Bayraktar, „dass der neue Terrorismus eine Kriegsqualität aufweise und man der Türkei den Krieg erklärt habe.“ Dabei wurde immer mehr zwischen der armenischen Minderheit in der Türkei und der armenischen Diaspora unterschieden, wobei letzterer die Rächer zugerechnet wurden. Aber auch bei den eigenen Armeniern variierte das Bild in der türkischen Öffentlichkeit sehr. Die „Hürriyet“ umschmeichelte die eigenen Armenier fast: „Keine, aber auch keine andere Minderheit konnte sich mit ihren Traditionen, Gewohnheiten, Musik und ihrem alltäglichen Leben, ja selbst mit ihrer Küche den Türken so gut anpassen wie die Armenier.“ Ganz anderes die muslimische „Milli Gazete“: „Die Minderheiten in unserem Land haben uns während unserer gesamten Geschichte einen Dolch in den Rücken gestoßen. Unter diesen Minderheiten befinden sich Griechen und Armenier.“ Eine angebliche „armenische Kollaboration“ mit westlichen Staaten wird angeprangert, „armenischer Terrorismus gegenüber türkischen Soldaten“, und generell sei die türkische „Gutmütigkeit und Gastfreundschaft!“ ausgenutzt worden – altbekannte Boshaftigkeiten vor allem aus der Jungtürkenzeit, frisch aufgewärmt. Wofür sich aber die ASALA rächte, nämlich die Abschlachtungen der Armenier im Osmanischen Reich besonders während des Völkermords von 1915/16, das verschwiegen alle Zeitungen selbst in ihren längsten Serien, bestenfalls erwähnten sie, daß die Armenier „in andere Regionen verschickt“ wurden. „Türken und Muslime erscheinen als die eigentlichen Opfer“, beschreibt Bayraktar die vorherrschende Reaktion der Zeitungen. „Millionen von unschuldigen Türken“, zitiert sie die „Hürriyet“, seien „bei den armenischen Massakern getötet“, und die Armenier hätten „die Quittung dafür bekommen“.

Damit macht die Autorin auf ein Phänomen aufmerksam, das Beobachter der Szene immer wieder feststellen: Die Zeitfolge wird einfach umgekehrt und damit Ursache und Wirkung verdreht. Die Völkermordaktionen fanden 1915/16 statt, armenische Racheaktionen aber erst 1917 beim Rückzug der Russen und ihrer armenischen Truppenteile. Genauso argumentierte schon die jungtürkische Regierung zum Kriegsende hin, und in das gleiche Horn bläst der bekannteste Genozid-Leugner der Gegenwart, der amerikanische Professor (von türkischen Gnaden) Justin A. McCarthy bei seiner letzten Deutschlandtournee vor wenigen Monaten.

Nach dem Abklingen der ASALA-Morde Mitte der achtziger Jahre baute sich für die Türkei nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 eine neue Drohkulisse des Armenierproblems auf: Immer mehr Staaten forderten von der Türkei die Anerkennung des Völkermords von 1915/16 oder erkannten ihn selbst offiziell an. Die innenpolitische Situation in der Türkei verhärtete sich auch aus einem anderen Grund: Die Militärjunta führte eine Verfassungsänderung durch, „mit der die Autoritär des Staates und die politische Tradition, den Staat über den Bürger zu stellen, gefestigt wurde“, so die Autorin. Diese neue Verfassung gab den Militärs nahezu diktatorische Vollmachten und besteht mit einigen Veränderungen bis heute fort. Die Hochschulen verloren ihre Autonomie, ein zentraler Hochschulrat war künftig für Planung, Kontrolle und Ausrichtung des Unterrichts sowie der wissenschaftlichen Forschung verantwortlich.

Die Hochschulen sollten fortan die Rechtfertigung des Völkermords wissenschaftlich begründen, was schon daran scheitert, daß die Wissensbasis über dieses Ereignis in der Türkei gar nicht vorhanden war. „Ein hochrangiger Bürokrat des Außenministeriums und zeitweiliger Außenminister, Kamuran Gürün, griff schließlich gezwungenermaßen selbst zur Feder und schrieb ‚Die armenische Akte'“, so die Autorin, „die seitdem als Standardwerk in der türkischen Geschichtsschreibung zur Armenierfrage dient.“

Das Außenministerium arbeitete in der Armenierfrage mit dem Nachrichtendienst zusammen. „Die Gruppe um den Mafiachef Abdullah Çatlı, der in den 1970er Jahren die ultranationalistische Organisation der Grauen Wölfe aufbaute, spielte dabei eine Schlüsselrolle“, schreibt Seyhan Bayraktar. Çatlıs Verwicklung kam 1996 nach einem Autounfall ans Tageslicht und führte „zu einem der größten politischen Skandale in der Geschichte des Landes.“

Zum Zentrum der staatlichen Genozidleugner entwickelte sich seit 2000 das „Institut für armenische Studien“ in Ankara, in dem in der Verschleierung der türkischen Schuld erfahrene Diplomaten und Geheimdienstler eng mit dem staatlichen Hochschulrat zusammenarbeiten, „der geeignetes wissenschaftliches Personal für einen Gastaufenthalt am Institut freistellt“. Im Ausland koordinieren diplomatische Vertretungen die Leugnungsaktionen, die auch türkische Verbände mit Material versorgen. „In Deutschland avanciert der Autor des Buches ‚Die andere Seite der Medaille‘, Ali Söylemezoğlu“ zu einem aktiven Streiter für die türkische Vergangenheitspolitik, was Konferenzen türkischer Verbände in Deutschland zu der Armenier Frage betrifft, ist er im Dauereinsatz.“

Als das Europäische Parlament am 18. Juni 1987 in ihrer Resolution „Zur politischen Lösung der armenischen Frage“ die Ereignisse von 1915 als Völkermord einstufte, erreichten der Völkermord und noch mehr seine Leugnung eine neue Dimension. Der damalige Putschist und Staatschef Kenan Evren verdächtigte die europäischen Staaten, die territoriale Integrität der Türkei in Frage zu stellen und Land an die Armenier abtreten zu wollen. Die Türkei müsse ihre Mitgliedschaft in der Nato überdenken. Zwar widersprachen ihm Politiker und Journalisten, aber „die politischen und gesellschaftlichen Eliten der Türkei“, so Bayraktar, „brachten die Anerkennung des Völkermordcharakters der historischen Ereignisse von 1915 im Europäischen Parlament nicht mit mangelndem oder kritischen Umgang mit der nationalen Geschichte der modernen Türkei in Verbindung.“ Immerhin sahen sie die Resolution als „eine Folge konkreter Politikdefizite und der schwachen türkischen Demokratie“ an und als „Beleg für die politische Außenseiterrolle, in der sich die türkischen Eliten aufgrund der Militärjunta vom 12. September 1980 sahen“. Es ging ihnen also um „eine Auseinandersetzung um die eigene nationale Identität.“

Am 18. Januar 2001 verabschiedete die französische Nationalversammlung eines ihrer kürzesten Gesetze mit dem einzigen Text „Frankreich erkennt den Genozid an den Armeniern von 1915 öffentlich an“. Regierungschef Bülent Ecevit weigerte sich, seinen Renault-Dienstwagen zu besteigen, französische Fahnen brannten (das Verbrennen einer türkischen Fahne ist nach der Verfassung ein Verbrechen) – aber das war’s eigentlich schon, denn alle wirtschaftlichen Drohungen konnten das Gesetz nicht aus der Welt schaffen. Aber der kurze Satz beängstigte die türkischen Zeitungen ungemein. „Dieses Virus wird sich weltweit ausbreiten“, schrieb die „Milli Gazete“, „Völkermordthesen breiten sich in Europa aus“, titelten „Cumhuriyet“ und „Hürriyet“ fast gleichlautend. Die von der Autorin ironisch zitierte „unermüdliche armenische Propagandamaschinerie“ war dabei, so mußte es wohl vielen Türken erscheinen, immer mehr Geschütze mit dem Schrapnell „Genozid“ zu laden.

„Anfang der 2000er Jahre begann man sich in der Türkei allmählich damit abzufinden, dass die türkische Version der Geschichte von 1915 international immer weniger Anklang fand“, schreibt die Autorin, was sicher übertrieben ist, denn Anklang hatte die türkische Version – von ein paar gespickten Historikern abgesehen – in der Welt nie gefunden, weil sie leicht nachprüfbar falsch war. Die Armenier hätten eine „Lüge wie eine Wahrheit“ verbreitet, beschwerte sich ein Kommentator der „Milli Gazete“, doch langsam dämmerte es einigen aus der türkischen Elite, daß genau dies für die eigene Version zutraf.

Die Reaktion der damaligen Regierung Ecevit – beispielsweise keine Rüstungsgüter mehr in Frankreich zu kaufen – trug erst recht „zu der gesellschaftlichen Hysterie bei, die durch die Völkermorddrohung ausgelöst wurde“, so Autorin Bayraktar, die „ein Bröckeln der nationalen Einigkeit in der Armenierfrage“ konstatierte, die einherging mit „einer vermeintlichen Umzingelung und Bedrohung der Türkei“. Und: „Während die Bedrohung sich in den 1970er Jahren in Gestalt des internationalen Terrorismus zeigte und in den 1980er Jahren fortgeführt wurde, ging die Bedrohung in den 2000er Jahren von der EU aus.“ Den Europäern ginge es darum, „die Türkei mit ungerechtfertigster Schuldzuweisung aus der EU zu halten.“

Um die Deutungshoheit über die Armenierfrage zurückzugewinnen, schlug Recep Tayyip Erdoğan, seit März 2003 Ministerpräsident, im Frühjahr 2005 eine Historikerkommission zur Prüfung der armenischen Frage vor. Denn „es verging kaum eine Woche, in der die Armenierfrage nicht in der einen oder anderen Form von einem gesellschaftlichen oder politischen Akteur aufgegriffen und thematisiert wurde.“ Eine solche Kommission hatte auch der deutsche Bundestag befürwortet, der im Juni 2005 in einer Resolution Türken und Armenier aufforderte, über das Thema sachlich zu diskutieren. Die Türkei ernannte dafür, neben dem Diplomaten und Abwehrstrategen Pulat Tacar, mit Ali Söylemezoğlu einen Genozidleugner. Es stellt sich für Fachleute des Völkermords an den Armenier oft die Frage, ob Erdoğan und seine Spitzenleute wirklich ihren Genozidleugnern glauben oder nur auf Zeitgewinn aus sind.

Ein Beleg für Ahnungslosigkeit der türkischen Spitze ist ihre Aufforderung an das britische Parlament, das 1916 erschienene Blaubuch „The Treatement of the Armenians in the Ottoman Empire“ des britischen Diplomaten und Historikers James Bryce und seines Mitautors, des Historikers Arnold Toynbee an den Armeniern zurückzuziehen, da Toynbee später einmal geschrieben hatte, das Werk habe propagandistischen Interessen gedient. „Die treibende Kraft hinter der türkischen Initiative war der in der Abwehrpolitik erfahrene ehemalige Diplomat Sükrü Elekdag“; schreibt Bayraktar, der prompt behauptete, daß es sich bei dem Blaubuch um „eine von vorne bis hinten fabrizierte Manipulation“ gehandelt habe. Daß auch mit Fakten Propaganda möglich ist, schien ihm nicht in den Sinn gekommen zu sein. „We do not believe that the letter reflect opinions of Turkish scholars, who know the subject“, antworteten die britischen Parlamentarier amüsiert, „on the contrary it shows that the Turkish Parliament is not properly informed“. Die Aufforderung an die britischen Parlamentarier war in der türkischen Presse groß herausgestellt worden, die Antwort hingegen praktisch verschwiegen. „Es galt in der türkischen Öffentlichkeit ein Gegengewicht zu den raumgreifenden internationalen Erinnerungsveranstaltungen zu setzen“, interpretiert Bayraktar die Asymmetrie, „und die eigene Handlung- und Deutungshoheit zu betonen.“

Doch das gelang nur aus türkischer Sicht. Denn die EU-Staaten stießen sich immer mehr an dem berüchtigten Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, weil die türkischen Richter die Erwähnung des Genozids stets als Erniedrigung des Türkentums werteten. Selbst dem späteren Nobelpreisträger Orhan Pamuk drohte ein Prozeß, weil er davon gesprochen hatte, daß neben 30000 Kurden auch eine Million Armenier umgebracht worden waren, und niemand sich traue, darüber zu sprechen. Nicht nur die extremen Nationalisten und Kemalisten fielen über ihn her, auch Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer verweigerte ihm nach der Preisverleihung eine Gratulation.

Hatte einst selbst die nationalistische Öffentlichkeit noch zwischen den eigenen (guten) Armeniern und den bösen der Diaspora unterschieden, so galt das nicht mehr, als der Hausgeber der armenisch-türkischen Wochenzeitschrift „Agos“, Fırat (genannt Hrant) Dink, Anfang 2004 eine achtteilige Schriftenreihe über „Die armenische Identität“ verfaßte. Ein Istanbuler Bezirksgericht verurteilte ihn nach Artikel 301 wegen Beleidigung des Türkentums zu sechs Monaten auf Bewährung, obgleich zwei Expertengutachten zu dem Schluß gekommen waren, daß Dinks Texte nicht als Beleidigung ausgelegt werden könnten.

Hrant Dink sah sich als türkischer Bürger armenischer Herkunft und setzte sich folglich für eine Verbesserung der Beziehungen zwischen der (großen) türkischen und der (kleinen) armenischen Gesellschaft innerhalb der Türkei ein. „Diesem Einsatz ist es im Wesentlichen zu verdanken“, so Seyhan Bayraktar, „daß die türkischen Armenier erstmals in der Geschichte der Republik sichtbar wurden.“

Zu sichtbar. Denn nach einem Interview mit der britischen Nachrichtenagentur Reuters, in dem er erstmals offen von einem „Völkermord“ sprach, stand Dink erneut vor Gericht. Weil gleichzeitig Frankreich die Leugnung des Völkermords unter Strafe stellte, richtete sich die ganze Wut der Nationalisten in der Türkei gegen den Agos-Herausgeber, der in einem Artikel auf diverse Morddrohungen mit einer „Angst gleich der einer irritierten Taube“ reagierte. Kurze Zeit darauf, am 19. Januar 2007 wurde er vor seinem Redaktionsgebäude auf offener Straße von dem 17jährigen Ogün Samast aus Trabzon von hinten mit drei Schüssen in den Kopf umgebracht.

Die Reaktion auf den Mord war in der Türkei, so Autorin Bayraktar, „tiefes Entsetzen“. Zehntausende hatten sich dem Trauerzug zu seiner Beisetzung angeschossen und skandierten: „Wir sind alle Armenier“. „Die große Bedeutung dieser Solidaritätsdemonstration wird durch den Umstand hervorgehoben“, schreibt Bayraktar, „daß es bis dahin kaum vergleichbare Massenaufläufe in der Türkei für eine Person des öffentlichen oder politischen Lebens gegeben hatte. Die türkischen Medien beschäftigten sich über Wochen hinweg mit kaum etwas anderem als dem Mord an Hrant Dink.“

„Im Laufe der Ermittlungen traten eklatante Versäumnisse und Beweise für eine aktive Beteiligung türkischer Behörden am Mordkomplott zutage“, schreibt die Autorin unter Bezug auf einen Bericht im „The Independent“. Einer der mutmaßlichen Drahtzieher arbeitete mit der Polizei zusammen, die genau wußte, was passieren würde. „Nur Hrant selbst haben sie über seine bevorstehende Ermordung nicht informiert“, zitiert Seyhan Bayraktar die oppositionelle türkische Zeitung „Radikal“.

Erst am 14. September 2010, also nach Erscheinen des Buches von Seyhan Bayraktar, hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg die Türkei nach Artikel 2 (Das Recht auf Leben.) der europäischen Menschenrechtskonvention für mitschuldig am Mord Hrant Dinks erklärt. Sowohl die Polizei in Trabzon als auch die in Istanbul hätte gewußt, daß Dink in Lebensgefahr schwebte, ihn aber nicht geschützt. Auch Staatschef Abdullah Gül erklärte nunmehr, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen seitens der Behörden seien für Dinks Tod verantwortlich gewesen.

„Der schockierende Mord an Hrant Dink machte deutlich, dass die liberalen Eliten der Türkei den gesellschaftlichen und politischen Demokratisierungsprozess überschätzt hatten“, analysiert Seyhan Bayraktar die Situation nach Dinks Tod. „Sie hatten die zunehmende Auseinandersetzung der türkischen Gesellschaft und Politik mit der Geschichte von 1915 und die damit einhergehende Infragestellung des Deutungsmonopols staatsnaher Akteure über die Armenische Frage als einen Bruch im dominanten Leugnungsdiskurs interpretiert. Doch damit hatten sie die reale Dimension des Demokratisierungsprozesses über- und das Ausmaß nationalistischer Ressentiments trotz untrüglicher Vorzeichen unterschätzt.“ Und: „Insgesamt hat die Ermordung Dinks den anhaltenden latenten Rassismus der türkischen Gesellschaft und Politik gegenüber nicht-türkischen Minderheiten und insbesondere Armeniern offen gelegt.

Das zeigte sich auch in der von der staatlichen Boğaziçi Universität 2005 geplanten „alternativen armenischen Konferenz“. Weil die angeblichen „eigentlichen Experten“ dort nicht anwesend seien, so die Gegner dieser Veranstaltung, würde womöglich die „türkische These widerlegt und die armenische“ gestärkt werden. Justizminister Cemil Çiçek kehrte die „Dolchstoßlegende“ wieder raus, sprach von „Verantwortungslosigkeit“, „fehlender Solidarität“ und „Schmähung der Nation“. Allerdings gab es Kritik an der Kritik, selbst vom Regierungschef und sogar von den Kemalisten, die sehr wohl sahen, daß es bei dieser Diskussion um die Meinungsfreiheit ging. Die Konferenz wurde schließlich durchgeführt, allerdings von der privaten Bilgi-Universität in Istanbul.

Ein Aspekt des Für und Wider zur Konferenz war freilich neu, bemerkte Bayraktar. Erstmals standen nicht, wie gewohnt, „armenische Lobby und Banden“ oder „Terroristen“ oder die „imperialistischen Mächte“ am Pranger, sondern ethnisch reine Türken bekämpften andere ethnisch reine Türken, was einen Kommentator der „Hürriyet“ dazu brachte, diese neue kritische Spezies als „Türken“ (in Anführungszeichen) zu bezeichnen. Das plakative Schwarz-Weiß-Bild, das Jahrzehnte lang – von ultralinks bis extremrechts – so herrlich einfach in Türken und Nicht-Türken zerfiel (Bergtürken, also Kurden, eingemeindet), verwischte sich auf einmal, Fronten wankten, neue entstanden. Um die alte Schlachtordnung wenigstens einigermaßen wieder herzustellen, wurden nun von den „echten“ Türken die „falschen“ Türken – wie Taner Akçam und Fatma Müge Göçek aus den USA – als „von der armenischen Lobby gekaufte“ Teilnehmer hingestellt. So kam der Erzfeind wenigstens durch die Hintertür wieder ins Spiel.

Das weit gefährlichere Wort waren auf einmal nicht mehr die „Armenier“ sondern der „Verrat“, ein Virus, der die Nation unvorbereitet befallen hatte. Dieser böse Geist war nun aus der Flasche raus wollte einfach nicht wieder hinein. Doch wer verriet eigentlich wen und was? Wer verriet das Vaterland, das beiden Seiten immer noch heilig war? Und wer war der schlimmere, der ruchlosere Verräter?

Die Gegenwehr gegen den Vorwurf des Verrats, führt Seyhan Bayraktar aus, „richtete sich insbesondere gegen die Logik des Verratstopos, die jeden aus der Gesellschaft ausschloß, der die offizielle türkische These zur Armenierfrage auch nur in Ansätzen kritisiert.“ Liberale Intellektuelle erhoben „entschieden Anspruch auf die Mitsprache bei der Definition des nationalen Wohls.“ Sie waren es ja in erster Linie, die eine freie Aussprache über das Tabu „Völkermord“ wünschten. „Bevor wir überhaupt gesprochen haben“, zitiert Bayraktar die Autorin Elif Safak, „hat Justizminister Cemil Cicek entschieden, daß unsere Worte gefährlich und sogar Vaterlandsverrat sind.“ Prompt trug eine Zeitungskolumne zum Thema den Titel „Der potentielle Vaterlandsverräter“. Und der Autor Fehmi Koru fragte, was diese Menschen eigentlich verbrochen hätten. Seine Antwort: „Sie haben buchstäblich nichts verbrochen. Es könnte durchaus sein, dass die Verräter ihren Dolch noch nicht einmal ausgepackt, ja noch nicht einmal gekauft hatten. Aber ein Blick in ihre Augen reicht aus, um ihre wahren Intentionen zu erkennen, dass sie vorhaben, die nationalen Anliegen ‚von hinten zu erdolchen'“.

Doch „mit dem Versuch, den Spieß umzudrehen und die Befürworter der Konferenz als die eigentlichen am nationalen Interesse der Türkei orientieren Gesellschaftsmitglieder zu konstruieren“, folgert Bayraktar, „stellten die liberalen Stimmen der türkischen Gesellschaft die nationalistische Ausprägung des Verratstopos gerade nicht in Frage. Dies führte zu dem paradoxen Ergebnis, dass die liberalen Eliten, die die staatliche Leugnungspolitik kritisieren wollten, stattdessen die zentralen Logiken des Leugnungsdiskurses reproduzierten.“ „Das Problem der nationalen Vergangenheit und die damit verbundene Infragestellung der nationalen Identität“; so Bayraktar, „vereinten also die polarisierenden Lager.“ Kolumnist Murad Belge schrieb in „Radikal“ über das „besondere Vergnügen zu beobachten, wie die Armenierfrage solche politischen Kontrahenten einigen konnte.“

Die Gegner einer Diskussion um die Ereignisse von 1915 versuchten nunmehr, der Debatte eine ganz andere Wendung zu geben. Es sei besser zu vergessen und sich um die Zukunft zu kümmern, so ihr Kredo. Das „Vergessen wurde als die gesellschaftlich verträglichere Form des Umgangs mit den dunklen Seiten der Geschichte präsentiert, die zu sozialem Frieden beitrug.“, schreibt Bayraktar. Doch damit wurde die Debatte erst recht eröffnet, denn nun ging es nicht mehr um die wirklich oder angeblich gefährdete nationale Einheit und die eingefahrene armenische Frage, sondern um die eigene Geschichte als generelles Problem.

„Ist es wirklich am besten zu vergessen, fragte der Chefredakteur der „Radikal“, Ismet Berkan, und antwortete: „Es ist eine Sache zu vergessen und sich für Vergessen zu entscheiden. Eine völlig andere aber ist, sich für eine Lüge zu entscheiden.“ „Diese Zeilen machten deutlich“, schreibt die Buchautorin, „dass ein kritischer Moment im türkischen Erinnerungsdiskurs eingesetzt hatte, der den dominanten leugnerischen Umgang mit der Geschichte von 1915 offen und vergleichsweise kompromißlos in Frage stellte.“ Das Tabu war noch immer nicht gebrochen, aber der Heiligenschein fing an, sich in einen eher profanen Nebel zu verwandeln.

Mitte des Jahres 2005 verschwanden immer mehr die unqualifizierten Verdächtigungen, die zum Trauma stilisierten schwer faßbaren Ängste vor einer Umzingelung (von wem und weshalb auch immer), der wundersame nationale Pathos in unerträglicher oder auch erträglicher Form, der emotionale Umgang mit einer Vergangenheit, die sich kaum noch einem normalen Türken erschloß, weil er die Sprache seiner Vorfahren nicht mehr beherrschte und ein verklemmter Staat sichtbare Zeichen verwischt und umgewandelt hatte bis hin zu fast allen Namen armenischer Dörfer. Rationalität begann einzuziehen in eine Debatte, die Fremden zumeist unwirklich erschien. Endlich wollten sich wenigstens einige der wichtigen türkischen Protagonisten befreien – von der „Last der Unwissenheit, der Unsicherheit über das, was geschehen ist“, wie der langjährige Kommentator der „Hürriyet“ Bekir Coşkun, schrieb. Inzwischen war vielen klar: In Anatolien lebten einst unzählige Armenier. „Sie sind nicht mehr da“, schrieb Coşkun, ein bekennender Kemalist, „ich weiß nicht, wie sie gegangen sind und warum. Ich möchte aber wissen, was den Armeniern widerfahren ist.“

Eine fast kindliche Neugier, dieser erste und letztlich so entscheidende Schritt zur Erkenntnis einer Welt, die es intellektuell zu erobern galt, machte sich breit. Es war erneut ein emotionales Ereignis, das den Kommentator zu diesem Schritt geführt hatte, aber immerhin. Coşkun schrieb einen weiteren Kommentar unter dem Titel „Meine [persönliche] armenische Frage“. Seine Großmutter war eine armenische Überlebende der Vertreibung. Coşkun, so Bayraktar, klagte über „die ewige Traurigkeit in ihren Augen“. Er schrieb: „Ich weiß nicht, was die Wahrheit ist. Aber ich möchte wissen, wer meine Großmutter als Kind aus ihrer Heimat, aus dem Schoß ihrer Liebsten entriss. Ich möchte diejenigen zur Verantwortung ziehen, die dafür verantwortlich sind, dass meine Grossmutter ihre Trauer verheimlichen musste, ihre tägliche Sehnsucht verbergen musste, wer sie zu diesem endlosen Exilleben führte.“

Die armenischen Großmütter machten nunmehr Politik. Immer häufiger wurde ihre wahre Identität entdeckt, meist kurz vor ihrem Tod, und das traf die nachdenklichen Kinder und noch mehr die Enkel zutiefst. Eines der meistgelesenen Bücher in der Türkei hatte den Titel „Meine Großmutter“ und stammt von der Menschenrechtsaktivistin Fethiye Çetin. Ihre armenische Großmutter hatte sich ihrer Enkelin offenbart in der Hoffnung, wenigstens einen Teil ihrer nach Amerika ausgewanderten armenischen Verwandten noch einmal zu sehen. Ihre Großtochter machte sie ausfindig und schrieb über die Odyssee das Erfolgsbuch. Auf 300000 schätzte Hrant Dink die Zahl der armenischen Kinder, die in türkischen, kurdischen, tscherkessischen und anderen muslimischen Familien aufgewachsen waren.

Und noch eine Ungeheuerlichkeit – in türkischen Augen – brachte Dink an den Tag. Sabiha Gökçen, die Adoptivtochter Atatürks, sei eine Armenierin gewesen. Diese Frau aber war nicht nur die angenommene Tochter des Republikgründers, sondern als erste türkische Pilotin auch eine hochverehrte Heldin der türkischen Militärs. Als die „Hürriyet“ diese Behauptung Hrant Dinks veröffentlichte, gab der türkische Generalstab am Tag darauf eine Presseerklärung ab, in der es hieß: „Solch ein nationales Symbol aus welchen Gründen auch immer zur Diskussion zu stellen, ist eine Herangehensweise, die der nationalen Einheit und dem gesellschaftlichen Frieden schadet.“ Die Buchautorin Bayraktar erinnerte daran, daß in den neunziger Jahren die Innenministerin Meral Akmeşe den kurdischen PKK-Führer Abdullah Özalan einen „armenischen Bastard“ genannt hatte, weil jeder in der Türkei das als den Gipfel der Ruchlosigkeit sofort verstand – und keine türkische Zeitung damals Anstoß daran nahm. Und nun die türkische Heldin schlechthin eine Armenierin?

Hrant Dinks Vermutung war wohl der Hauptgrund für die Nationalisten, ihn umbringen zu lassen. „In dem letzten Aufsatz vor seiner Ermordung lokalisierte er den Beginn der Hetzkampagne gegen ihn auf die Veröffentlichung der Gökçen Geschichte“, schreibt Seyhan Bayraktar. Die Reaktion des Generalstab ist für die Buchautorin „ein bezeichnendes Beispiel dafür dass die staatlichen Institutionen der Türkei die systematische Mordpolitik an den osmanischen Armeniern nicht nur ganz und gar leugnen, sondern auch dafür, welch geringer Respekt gegenüber den in der Türkei lebenden armenischen Staatsbürgern immer noch salonfähig ist.“

„Der Erinnerungsdiskurs über die Armenierfrage verlief während des kritischen Diskursmoments von 2005 ungleich aggressiver und aufgeheizter als in allen vorausgegangenen Diskursmomenten“, bilanziert die Autorin. „Die Armenierfrage polarisiert die türkische Gesellschaft 90 Jahre nach den historischen Ereignissen mehr als je zuvor.“

Die Trennungslinien zeigten sich auch darin, daß eine Entschuldigungsaktion gegenüber den Armeniern im Internet Ende 2008 insgesamt 30000 Unterschriften einbrachte, eine nationalistische Gegenkampagne („Ich entschuldige mich nicht“ bzw. „Ich erwarte eine Entschuldigung“) hingegen innerhalb der ersten Tage bereits 111000 Unterschriften vorweisen konnte. Ganz abgesehen davon, daß in der Entschuldigungskampagne die Armenier keineswegs als Opfer einer jungtürkischen Vernichtungspolitik dargestellt wurden, sondern als Opfer widriger Umstände. Die Autorin zitiert den liberalen Intellektuellen Baskin Oran, um zu zeigen, wie sehr die kritischen Liberalen ihre Aktionen falsch einschätzten. Denn Oran hatte gemeint, Ministerpräsident Erdoğan könne ihnen sogar dankbar sein, denn „bislang haben Parlamente weltweit immer wieder Völkermordentscheidungen getroffen. Das wird jetzt aufhören. Die Diaspora ist besänftigt. Die internationale Presse hat aufgehört, den Begriff Genozid zu verwenden.“

Schiefer konnte er nicht liegen. Denn sowohl die Armenier als auch die internationale Presse sahen sehr wohl, „dass selbst die progressivsten Teile der türkischen Gesellschaft die Dimension der kollektiven Leiderfahrungen der Armenier nicht (an-)erkannt hatten“, wie die Autorin schreibt. „Eine tatsächlich Öffnung des türkischen Staates, sich den Verbrechen von 1915 zu stellen und damit einen Versöhnungsprozeß einzuleiten, steht aber noch aus“, so Seyhan Bayraktar.

Die Autorin dieses vorzüglichen Buchs ist sich sicher, daß die türkische Politik und Gesellschaft fähig und gewillt ist, den demokratischen Wandel zu wagen. Eine demokratische und pluralistische Türkei, so darf erwartet werden, wird auch die Wissenslücken schließen, die den Diskurs um den Genozid so schwierig machen.

Seyhan Bayraktar: Politik und Erinnerung. Der Diskurs über den Armeniermord in der Türkei zwischen Nationalismus und Europäisierung. Transcript Verlag Bielefeld, August 2010, 314 S., kart. 29,80 €, ISBN 978-3-8376-1312-4.

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