Bilder vom Völkermord – Rezension eines Buches über Armin T. Wegner

Jörg Berlin

Armin T. Wegner ist einer der bekanntesten Chronisten des Völkermordes an den Armeniern. Er wurde Augenzeuge des Genozids, da er sich als Angehöriger des deutschen Sanitätsdienstes zur Zeit des ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich aufhielt. Seine Versuche, zumindest einzelne Personen zu retten, blieben ohne Erfolg. Das Gesehene und Erlebte erschütterte ihn so sehr, dass er auch nach dem Ende des Krieges nicht von diesem Menschheitsverbrechen loskam. Er entfaltete zahlreiche Aktivitäten und berichtete über die in Deutschland weitgehend unbekannten Morde und Massaker. Strenge staatliche Zensurvorschriften hatten die Informierung der deutschen Bevölkerung verhindert.

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The Reign of Lies in Turkey

Ayşe Günaysu

Organized denial means the reign of lies. The denialist, in order to sustain denial, has to resolutely and incessantly lie. Otherwise it can’t go on. The truth, even bits of information that might hold the slightest potential of undermining the lie, is the biggest and most merciless enemy of denial. So the denialist, having created a whole world of lies, must fight any manifestation of the truth tooth and nail to survive. We in Turkey all live in this world of lies, so much so that our textbooks, news agencies, official documents, literature, and even surnames are likely telling us lies. Even our parents may have told us lies about our family history. Our whole identity may be a fabrication.

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„Die türkischen Demokraten müssen das regeln!“ – Eine Veranstaltung türkischer Vereine am 18. April in Hamburg über die „Armenische Tragödie“

Jörg Berlin

Es erweckt Interesse und verdient Aufmerksamkeit, wenn türkische Vereine selbst von einer „armenischen Tragödie“ sprechen und zu einer Veranstaltung über dieses Thema einladen. Dies gilt auch, wenn zu befürchten ist, dass sie nicht der Aufklärung, sondern der Leugnung des Genozids dienen sollte. Tragödien berichten über Unglück und Leid von Menschen. Die Frage vor der in Hamburg angekündigten Veranstaltung war folglich, ob der eingeladene Redner und die Veranstaltungsbesucher Mitgefühl mit den Opfern der Tragödie zeigen würden.

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‘A Fate Worse Than Dying’: Sexual Violence during the Armenian Genocide

Matthias Bjørnlund

All tell the same story and bear the same scars: their men were all killed on the first days’ march from their cities, after which the women and girls were constantly robbed of their money, bedding, clothing, and beaten, criminally abused and abducted along the way. Their guards forced them to pay even for drinking from the springs along the way and were their worst abusers but also allowed the baser element in every village through which they passed to abduct the girls and women and abuse them. We were not only told these things but the same things occurred right here in our own city before our very eyes and openly on the streets. (1)

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Die Begegnung von armenischer, kurdischer und alevitischer Frage: Koçgiri-Aufstand 1920/21

Hans-Lukas Kieser

In der Retrospektive auf die spätosmanischen Ostprovinzen meinte der Kemalist Hasan R. Tankut: «Die damaligen [jungtürkischen] Regierungsbeamten hatten jenen Teil des Landes in keinerlei Hinsicht studiert. Auch unser heutiges Wissen [1961] ist fraglos unvollkommenes Stückwerk. Die gestrige armenische Frage aufersteht als kurdische Frage.»[1] In der Tat waren die armenische, die kurdische und auch die alevitische Frage so eng miteinander verknüpft, dass einem informierten Beobachter wie Tankut die historische armenische Frage fünzig Jahre später als eine aktuelle kurdische zu auferstehen schien. Armenier, Kurden und Aleviten teilten in den Ostprovinzen ein gemeinsames Siedlungsgebiet, namentlich in den Provinzen Sivas und Harput. Alle drei Gruppen beanspruchten einen autonomen Raum: Die Aleviten und Armenier taten dies seit den Tanzimat in der Berufung auf das Gleichberechtigungspostulat, die sunnitischen Kurden bis zum Ersten Weltkrieg im Pochen auf ihre traditionellen Rechte vor den Tanzimat.

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Wie Altkanzler Schröder die türkische Genozidleugnung verdeutscht

Arthur Manukian

Redewendungen und Sprichwörter haben an sich etwas zutiefst Menschliches. Sie haben oft Lebenserfahrungen und Einsichten von Generationen konserviert. Meistens legen sie auch eine unbefangene Offenheit zu Tage, die man ansonsten – der Political Correctness verpflichtet – eher zu meiden pflegt. Ein armenisches Sprichwort besagt etwa: Wenn man einen kleinen Rüden neben einem großen Köter anbindet, lernt dieser binnen kurzem entweder bellen oder beißen.

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Die Verdrängung des Völkermords an den Armeniern – ein Signal für die Shoah

Wolfgang Gust

Als der Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs in seine Endphase ging, löste die türkische Regierung – am 1. August 1916 – das armenische Patriarchat in Istanbul (das damals noch offiziell Konstantinopel hieß) auf und schaffte dessen Institutionen ab. Der in der deutschen Botschaft in Konstantinopel für die armenischen Angelegenheiten zuständige Generalkonsul Johannes Heinrich Mordtmann verfaßte daraufhin ein längeres Elaborat über die Beseitigung des großen Volksrats der Armenier und der von den Armeniern ausgearbeiteten Verfassung. ”Diese Verfassung” führte Mordtmann aus, ”entsprach dem ultrademokratischen Geiste, der von jeher unter den gregorianischen Armeniern geherrscht hatte.“[1] Was ein großes Lob zu sein schien, war in Wirklichkeit ein strenger Tadel.

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Die Aleviten im Wandel der modernen Geschichte

Hans-Lukas Kieser

Nach einer historiographischen Vorbemerkung werde ich mich einem Längsschnitt durch die moderne, vor allem ostalevitische Geschichte widmen. Ich gehe von der Unterscheidung zwischen West- und Ostalevitum aus, die zwar zentrale alevitische Elemente teilen, aber seit dem 16. Jahrhundert organisatorisch getrennt sind. Zum Schluss werde ich einige Gedanken zur Neubelebung des Alevitums äussern. Die Darstellungen im Handout (siehe Anhang) dienen einer knappen begrifflichen und zeitlichen Orientierung, für die im Vortrag die Zeit fehlt.

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„Verständnislose Auswüchse des Militarismus“

Wolfgang Gust

„Sie bietet sich ja direkt an!!!“, schrieb ein erstaunter Kaiser Wilhelm II an das Telegramm seines Konstantinopler Botschafters Hans Freiherr von Wangenheim. „Sie“, das war die Türkei, die um ein Bündnis mit Deutschland bettelte. Der Kaiser befahl, Wangenheim „soll den Türken sich in Bezug auf 3bund [Dreibund] unbedingt klar entgegenkommend äußern und ihre Wünsche entgegennehmen“. Denn: „Wir dürfen hier unter gar keinen Umständen abweisen.“[1] Das war kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Türkei als Kriegspartner strebten die deutschen Politiker gar nicht an. Noch am 13. Mai 1914 schrieb der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Gottlieb von Jagow seinem Botschafter, er glaube nicht, „daß die Türkei je wieder aktions- und bündnisfähig werden kann.“[2] „Wegen ihrer schlechten Armeeverhältnisse“, erläuterte er kurz darauf, „könne die Türkei für die nächsten Jahre nur als passiver Faktor angesehen werden. Zu einer aggressiven Haltung gegen Rußland wäre sie außer Stande“.[3] Dem stimmte Wangenheim zu: „Die Türkei ist zweifellos heute noch vollkommen bündnisunfähig, sie würde ihren Verbündeten nur Lasten auferlegen, ohne ihnen die geringsten Vorteile bieten zu können.“[4]

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Kurds Challenge Turkish Nation-State

 Ayşe Günaysu

On Dec. 20, 2010, Turkish members of parliament, including the ultra-nationalist MHP, Islamist AKP, nationalist CHP, and others, were listening to the tall woman addressing the session during the budgetary discussions for the Ministry of Tourism and Culture. “Rafael Lemkin says genocide is not only about the extermination of the representatives of a nation but also annihilation of its cultural and national values,” she was saying. “Today, of the 913 Armenian monuments remaining after 1923, 464 have been totally destroyed, 252 left to a state of dilapidation, and 197 in urgent need of restoration. Many of the Armenian religious buildings are being used as stables or storehouses, and many of the Armenian churches have been turned into mosques. Armenians in 1915 were driven out of their own homeland. Suffering, exile, and destitution all combined into Armenian people’s painful outcry.” She went on to quote Armenian singer Aram Tigran’s words: “A storm blew away our nest, leaving us orphans, exiled, longing for our nest even if it is made of stone.” She concluded: “Turkish governments’ refusal of Aram Tigran’s last wish to be buried in Diyarbakir is proof that the punishment imposed on Armenians does not end even after their death.”

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Der NATO-Putsch

Nick Brauns

Geschichte. Vor 30 Jahren ergriff das Militär die Macht in der Türkei. Das nordatlantische Bündnis, besonders die USA und Deutschland, sichert den Staatsstreich zu Beginn der ­neoliberalen Ära ab

Am Morgen des 12. September 1980 wurden die Menschen in der Türkei mit der über Rundfunk verbreiteten Nachricht geweckt, daß »die Armee für das Wohl und die Unteilbarkeit des Landes die Macht übernommen« habe. Dieser dritte Militärputsch in der Geschichte der modernen Türkei sollte die türkische Gesellschaft bis heute fast ebenso einschneidend prägen wie die Gründung der Republik Türkei aus den Trümmern des Osmanischen Reichs im Jahr 1923.

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“Eine tatsächlich Öffnung des türkischen Staates steht noch aus”

Wolfgang Gust

Eine deutliche Mehrheit der Türken entschied sich im September 2010 für eine gründliche Revision der Verfassung. Wenn nicht alles täuscht, wird der Strafparagraph 301, nach dem „Personen, die das Türkentum, die Republik oder die Große Nationalversammlung offen erniedrigen“, bis zu drei Jahren Gefängnis verurteilt werden können, diese Revision zumindest in seiner derzeitigen Form nicht überstehen. Ursprünglich war die Erwähnung des Völkermords an den Armeniern expressis verbis im Gesetzestext als Straftatbestand verankert, wurde dann aber mit Rücksicht auf die Verhandlungen mit der Europäischen Union über einen Beitritt wieder gestrichen.

Der Völkermord an den Armeniern ist trotzdem noch immer das größte Tabu der offiziellen Türkei. Die Geschichte des Umgangs mit diesem politischen Reizthema in den letzten Jahrzehnten und belegt mit Beiträgen der bedeutendsten türkischen Tageszeitungen, ist das Thema eines Sachbuchs, das alle wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt und sich dennoch wie ein Krimi liest: Seyhan Bayraktars als Buch erschienene Dissertation „Politik und Erinnerung. Der Diskurs über den Armeniermord in der Türkei zwischen Nationalismus und Europäisierung“.

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Patriotismus in der Diaspora: Fragen, die wir uns stellen müssen

Arthur Manukian

Unser Leben in der Fremde

Wir Armenier sind leicht zu beeindrucken. Recht leicht, wenn wir einen Teil unseres Lebens in der Diaspora, in der Zerstreuung verbringen. Noch leichter, wenn wir unser ganzes Leben fern der armenischen Heimat oder von dem, was uns davon noch geblieben ist, verleben. Armenien bleibt stets in der Ferne, und wir kennen es kaum. Und wir lernen das Land auch kaum kennen: wenn das Schicksal uns einmal in die kleine armenische Republik mitsamt Arzach (Berg Karabach) verschlägt, verbringen wir unsere Zeit damit, die alten Kirchen und Klöster zu bewundern.

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Aus der Verantwortung für den Genozid geschlichen – Das Auswärtige Amt weicht Parlamentarischen Anfragen schlicht aus

Wolfgang Gust

Vielleicht lag es daran, daß die Linkspartei es war, die in einer Kleinen Anfrage nach dem Völkermord an den Armeniern 1915/16 fragte. Die Antworten des Auswärtigen Amt waren jedenfalls noch bedeutungsloser als die des kaiserlichen AA-Staatsekretärs im Ersten Weltkrieg, Friedrich Zimmermann, gegenüber den damaligen Reichstagsabgeordneten mitten in der strengsten Zensur, die Deutschland je hatte. Mehr noch: Fast ein Jahrhundert Forschung über dieses Thema ist im deutschen Außenamt ganz offensichtlich noch nicht angekommen, jedenfalls nicht bei ihren hohen FDP-Vertretern.

Wie ist es sonst zu erklären, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Dr. Wolf-Ruthart Born – wie vorher schon die Staatsministerin Cornelia Pieper – sich außerstande sieht, den Völkermord an den Armeniern anhand des umfangreichen Materials des Politischen Archiv seines eigenen Amtes und nach den Kriterien der UN-Völkermordkonvention zu bewerten. Diese Konvention sei für die Bundesrepublik erst am 22. Februar 1955 in Kraft getreten, weicht er aus, und könne deshalb nicht rückwirkend angewendet werden. Das gilt für die Strafbarkeit, aber doch nicht für die Frage, ob das, was 1915/16 mit den Armeniern in der Türkei geschah, nach den UN-Kriterien ein Völkermord war oder nicht. Nach diesen Kriterien seien die Ereignisse von 1915/16 ein Genozid, hatte der türkische Historiker Halil Berktay vor einigen Wochen in Hamburg klargestellt – und er riskiert dafür eine Haftstrafe, denn in der Türkei ist schon die Nennung des Wortes „Genozid“ für das was 1915/16 den Armeniern angetan wurde, strafbewehrt. Der türkische Professor zeigte Mut, der deutsche Staatssekretär, dem keine Konsequenzen drohen, kniff.

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Eine gute Politik der kleinen Schritte und leisen Töne

Wolfgang Gust

Wer zu den Pionieren wichtiger Vorhaben wie der Demokratisierung eines in dieser Hinsicht rückständigen Landes zählt und dafür Tabus brechen muß, der gerät leicht zwischen die Fronten. So geschah es dem türkischen Professor Halil Berktay, der an der renommierten Istanbuler Sabanci-Universität Geschichte lehrt und einer der ersten Intellektuellen seines Landes war, der den Völkermord an den Armeniern 1915/16 in der Türkei thematisierte, den die Regierung noch immer leugnet.

Am 13. Mai 2010 hatte der Historiker in einer der wenigen liberalen türkischen Tageszeitungen – Taraf – auf die Frage eines Doktoranden, ob in der Türkei ein Historiker frei arbeiten könne oder nicht geantwortet: ja und nein. Die Freiheit in seinem Lande sei so halbgar wie die Demokratie, die offizielle Ideologie der Genozidleugnung hingegen bestens etabliert. Das türkische Unterrichtssystem sei eher preußisch organisiert, auf allen Ebenen herrsche in größtem Maße Gehorsam und Konformismus. Da sei kein Platz für Intelligenz, Ehrlichkeit und Klarheit bei den Studenten und jungen Universitätsabsolventen. Man lehre nicht, sondern formiere. Der Geist würde erschlagen und der Zement für all das sei der Nationalismus.

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