Fluch (und Segen) der Ressourcen: Die übersehene Transformation des Nahen Ostens

Syrien und der Irak dürften sich kaum wieder in stabile Staaten in ihren bisherigen Grenzen und Regierungsstrukturen zurückverwandeln. Syrien befindet sich mitten im Bürgerkrieg und es erscheint unwahrscheinlich, dass Präsident Bashar al-Assad die vollständige Kontrolle über das gesamte Land jemals zurückgewinnen wird. Irakisch Kurdistan ist bereits heute eine autonome Region und droht nun mit Abspaltung vom irakischen Gesamtstaat. Der Libanon ist zwar auf dem Papier ein Staat, hat jedoch diesen Status de facto längst eingebüßt. Die Regierung kontrolliert tatsächlich nur noch einen Teil des Landes und hat zentrale Regierungsaufgaben an verschiedene konfessionelle Gruppierungen und deren politische Organisationen abgetreten.  >>ipg-journal.de

Auf der Flucht vor der Wahrheit: Deutschland und der Völkermord an den Armeniern

Arthur Manukian

Verfolgt man den neuesten Umgang der bundesdeutschen Politik mit dem Völkermord an den Armeniern, so wird unschwer erkennbar, wie sich die deutschen Spitzenpolitiker und auch der deutsche Gesetzgeber aus der Verantwortung stehlen. Die Methoden der Verschiebung der deutschen Verantwortlichkeit für den Völkermord an den Armeniern in der Osmanischen Türkei werden immer subtiler, die Argumentationswege der deutschen Politik anhaltend kasuistischer.

Weiterlesen …

Bilder vom Völkermord – Rezension eines Buches über Armin T. Wegner

Jörg Berlin

Armin T. Wegner ist einer der bekanntesten Chronisten des Völkermordes an den Armeniern. Er wurde Augenzeuge des Genozids, da er sich als Angehöriger des deutschen Sanitätsdienstes zur Zeit des ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich aufhielt. Seine Versuche, zumindest einzelne Personen zu retten, blieben ohne Erfolg. Das Gesehene und Erlebte erschütterte ihn so sehr, dass er auch nach dem Ende des Krieges nicht von diesem Menschheitsverbrechen loskam. Er entfaltete zahlreiche Aktivitäten und berichtete über die in Deutschland weitgehend unbekannten Morde und Massaker. Strenge staatliche Zensurvorschriften hatten die Informierung der deutschen Bevölkerung verhindert.

Weiterlesen …

The Reign of Lies in Turkey

Ayşe Günaysu

Organized denial means the reign of lies. The denialist, in order to sustain denial, has to resolutely and incessantly lie. Otherwise it can’t go on. The truth, even bits of information that might hold the slightest potential of undermining the lie, is the biggest and most merciless enemy of denial. So the denialist, having created a whole world of lies, must fight any manifestation of the truth tooth and nail to survive. We in Turkey all live in this world of lies, so much so that our textbooks, news agencies, official documents, literature, and even surnames are likely telling us lies. Even our parents may have told us lies about our family history. Our whole identity may be a fabrication.

Weiterlesen …

„Die türkischen Demokraten müssen das regeln!“ – Eine Veranstaltung türkischer Vereine am 18. April in Hamburg über die „Armenische Tragödie“

Jörg Berlin

Es erweckt Interesse und verdient Aufmerksamkeit, wenn türkische Vereine selbst von einer „armenischen Tragödie“ sprechen und zu einer Veranstaltung über dieses Thema einladen. Dies gilt auch, wenn zu befürchten ist, dass sie nicht der Aufklärung, sondern der Leugnung des Genozids dienen sollte. Tragödien berichten über Unglück und Leid von Menschen. Die Frage vor der in Hamburg angekündigten Veranstaltung war folglich, ob der eingeladene Redner und die Veranstaltungsbesucher Mitgefühl mit den Opfern der Tragödie zeigen würden.

Weiterlesen …

‘A Fate Worse Than Dying’: Sexual Violence during the Armenian Genocide

Matthias Bjørnlund

All tell the same story and bear the same scars: their men were all killed on the first days’ march from their cities, after which the women and girls were constantly robbed of their money, bedding, clothing, and beaten, criminally abused and abducted along the way. Their guards forced them to pay even for drinking from the springs along the way and were their worst abusers but also allowed the baser element in every village through which they passed to abduct the girls and women and abuse them. We were not only told these things but the same things occurred right here in our own city before our very eyes and openly on the streets. (1)

Weiterlesen …

Die Begegnung von armenischer, kurdischer und alevitischer Frage: Koçgiri-Aufstand 1920/21

Hans-Lukas Kieser

In der Retrospektive auf die spätosmanischen Ostprovinzen meinte der Kemalist Hasan R. Tankut: «Die damaligen [jungtürkischen] Regierungsbeamten hatten jenen Teil des Landes in keinerlei Hinsicht studiert. Auch unser heutiges Wissen [1961] ist fraglos unvollkommenes Stückwerk. Die gestrige armenische Frage aufersteht als kurdische Frage.»[1] In der Tat waren die armenische, die kurdische und auch die alevitische Frage so eng miteinander verknüpft, dass einem informierten Beobachter wie Tankut die historische armenische Frage fünzig Jahre später als eine aktuelle kurdische zu auferstehen schien. Armenier, Kurden und Aleviten teilten in den Ostprovinzen ein gemeinsames Siedlungsgebiet, namentlich in den Provinzen Sivas und Harput. Alle drei Gruppen beanspruchten einen autonomen Raum: Die Aleviten und Armenier taten dies seit den Tanzimat in der Berufung auf das Gleichberechtigungspostulat, die sunnitischen Kurden bis zum Ersten Weltkrieg im Pochen auf ihre traditionellen Rechte vor den Tanzimat.

Weiterlesen …

Wie Altkanzler Schröder die türkische Genozidleugnung verdeutscht

Arthur Manukian

Redewendungen und Sprichwörter haben an sich etwas zutiefst Menschliches. Sie haben oft Lebenserfahrungen und Einsichten von Generationen konserviert. Meistens legen sie auch eine unbefangene Offenheit zu Tage, die man ansonsten – der Political Correctness verpflichtet – eher zu meiden pflegt. Ein armenisches Sprichwort besagt etwa: Wenn man einen kleinen Rüden neben einem großen Köter anbindet, lernt dieser binnen kurzem entweder bellen oder beißen.

Weiterlesen …

Die Verdrängung des Völkermords an den Armeniern – ein Signal für die Shoah

Wolfgang Gust

Als der Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs in seine Endphase ging, löste die türkische Regierung – am 1. August 1916 – das armenische Patriarchat in Istanbul (das damals noch offiziell Konstantinopel hieß) auf und schaffte dessen Institutionen ab. Der in der deutschen Botschaft in Konstantinopel für die armenischen Angelegenheiten zuständige Generalkonsul Johannes Heinrich Mordtmann verfaßte daraufhin ein längeres Elaborat über die Beseitigung des großen Volksrats der Armenier und der von den Armeniern ausgearbeiteten Verfassung. ”Diese Verfassung” führte Mordtmann aus, ”entsprach dem ultrademokratischen Geiste, der von jeher unter den gregorianischen Armeniern geherrscht hatte.“[1] Was ein großes Lob zu sein schien, war in Wirklichkeit ein strenger Tadel.

Weiterlesen …

Die Aleviten im Wandel der modernen Geschichte

Hans-Lukas Kieser

Nach einer historiographischen Vorbemerkung werde ich mich einem Längsschnitt durch die moderne, vor allem ostalevitische Geschichte widmen. Ich gehe von der Unterscheidung zwischen West- und Ostalevitum aus, die zwar zentrale alevitische Elemente teilen, aber seit dem 16. Jahrhundert organisatorisch getrennt sind. Zum Schluss werde ich einige Gedanken zur Neubelebung des Alevitums äussern. Die Darstellungen im Handout (siehe Anhang) dienen einer knappen begrifflichen und zeitlichen Orientierung, für die im Vortrag die Zeit fehlt.

Weiterlesen …

„Verständnislose Auswüchse des Militarismus“

Wolfgang Gust

„Sie bietet sich ja direkt an!!!“, schrieb ein erstaunter Kaiser Wilhelm II an das Telegramm seines Konstantinopler Botschafters Hans Freiherr von Wangenheim. „Sie“, das war die Türkei, die um ein Bündnis mit Deutschland bettelte. Der Kaiser befahl, Wangenheim „soll den Türken sich in Bezug auf 3bund [Dreibund] unbedingt klar entgegenkommend äußern und ihre Wünsche entgegennehmen“. Denn: „Wir dürfen hier unter gar keinen Umständen abweisen.“[1] Das war kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die Türkei als Kriegspartner strebten die deutschen Politiker gar nicht an. Noch am 13. Mai 1914 schrieb der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Gottlieb von Jagow seinem Botschafter, er glaube nicht, „daß die Türkei je wieder aktions- und bündnisfähig werden kann.“[2] „Wegen ihrer schlechten Armeeverhältnisse“, erläuterte er kurz darauf, „könne die Türkei für die nächsten Jahre nur als passiver Faktor angesehen werden. Zu einer aggressiven Haltung gegen Rußland wäre sie außer Stande“.[3] Dem stimmte Wangenheim zu: „Die Türkei ist zweifellos heute noch vollkommen bündnisunfähig, sie würde ihren Verbündeten nur Lasten auferlegen, ohne ihnen die geringsten Vorteile bieten zu können.“[4]

Weiterlesen …